Irène Wydler

Natur oder Architektur
Zeichnungen und Druckgraphik von Irène Wydler

Wenn ein Chirurg einen operativen Eingriff vornimmt, ein inneres Organ oder auch nur eine tiefer liegende Schicht freilegen will, muss er zum Skalpell, zu diesem kleinen Messer greifen. Je schärfer dieses Instrument mit seiner feststehenden Klinge ist, umso präziser kann er den Schnitt legen, ohne allzuviele Gefässe zu verletzen. Ganz ähnlich ritzt die Luzerner Künstlerin Irène Wydler mit der Nadel mal kräftiger mal subtiler die Kupferplatte, um Schichten, Strukturen und Binnenformen anzudeuten, freizulegen. Kaltnadelarbeiten heissen sie, weil die Linien ohne die Hilfe einer Ätzflüssigkeit erzeugt werden. ‘Kalt’ nennt man diesen Prozess deshalb, weil im Unterschied dazu beim Ätzen sich Wärme entwickelt. Mittels Direktätzung, d.h. wenn Säure direkt auf die blanke Platte aufgetragen wird, rauhte sie die Plattenoberfläche vorher auf, damit das Liniengefüge eine speziell vorbereitete Grundlage bekam.

Im Rahmen der 14. Internationalen Triennale für Originalgraphik in Grenchen, im September 1997, gewann Irène Wydler den zum ersten Mal ausgerichteten VISA-Kunstpreis für Originalgraphik. Es kommt nicht oft vor, dass eine Jury so spontan zu einem einhelligen Schluss findet. Doch die Qualität der Graphikfolge Von Feldern und Räumen - es sind kurz zuvor entstandene Kaltnadelarbeiten - stach allen ins Auge. Bereits in dieser Folge treten naturhafte Verstrebungen und Bündelungen auf. Doch herrschen stereometrische Formen noch vor. Bei den Zeichnungen, die in den letzten zwei Jahren entstanden sind, wurde nun zwischen Konstruktivem und Gewachsenem eine schwebende Balance angestrebt. Die Graphikfolge von 1997 bildet somit zwischen der Zeichnung Cubo I von 1995 und den neuen Zeichnungen das Gelenkstück. Zu Recht stellt die Künstlerin deshalb diese Graphikserie erneut vor.

Vor allem mit Bleistiften unterschiedlicher Härtegrade liebt es Irène Wydler zu zeichnen. Mit spitzem oder sich allmählich abstumpfendem Stift spürt sie Binnenstrukturen von Räumen, Häusern, Feldern und grossen Körpern nach. In einem langen Prozess, dessen Phasen auch für die Künstlerin nicht vorhersehbar sind, wird auf einem Blatt Papier die bestimmende Form herausgearbeitet, aufgefächert oder entfaltet.

Riesige, von eisernen Traggerüsten umstellte Kessel des Luzerner Gaswerkes, standen in ihrer Kinderzeit so geheimnisvoll am Wegrand. Damals aus dem unmittelbaren Erleben heraus und heute aus der Erinnerung, wollte und will sie ‘dahinter kommen’, wollte und will sie herausfinden, was diese Gefüge verborgen hielten. Die Rötel- und Kreidezeichnung Kinderzeit von 1997 legt davon ein eindrückliches Zeugnis ab. Die Zeichnung Mitten hinein von 1998 zeigt die Innenform eines solchen Kessels oder einer riesigen Tonne, eine hohlrunde Wölbung, die nach oben mehrfach abgestuft ist und dadurch in ihrer Mächtigkeit noch gesteigert wird. Die Zeichnung Pillnitz II von 1999 gibt hingegen eine Auswölbung, die konvexe Form wieder. Auch Stahl- und Glaskonstruktionen alter, heute oft brachliegender Industriebauten des letzten Jahrhunderts regen ihre künstlerische Phantasie immer wieder an.

Selbst in der Wirklichkeit werden solche Bauwerke manchmal, vor allem wenn sie menschenleer und verlassen sind, von der Natur erobert und überwuchert. Bei einzelnen Bleistiftzeichnungen bleibt offen, ob sich hinter dem Grasbewuchs oder Röhricht ein Gebäude verbirgt, oder ob diese Stammbündel in ihrer Verdichtung ein eigenes Gebäude oder mindestens ein geschlossenes Geviert bilden.

Auf der Zeichnung Grenzfluss von 1998 lösen sich schlanke, pappelähnliche Bäume mit kleinen Häusern ab, überragt die Natur bei weitem das von Menschenhand Gebaute. Gewachsenes und Konstruiertes gehen dabei eine geheimnisvolle Beziehung ein. Eine Bleistiftzeichnung von 1999 wird man als Industriehalle mit einem gewaltigen Scheddach lesen. Doch der Titel des Blattes Felder verlassen weist in eine andere Richtung.

Die Räume, die Felder und Baukörper sind menschenleer und aufgegeben. Die Natur ergreift von ihnen Besitz. Diese Inbesitznahme erfolgt ganz langsam und allmählich. Genauso versucht die Künstlerin die Gebäude und Räume Strich um Strich zu durchdringen und transparent zu machen.

Die Gebäude die einst eine konkrete Funktion erfüllten, stehen leer und sinnlos da. Doch dadurch dass die Natur sich ihrer bemächtigt, werden sie einer höheren, natürlichen Ordnung unterworfen. Die Frage lautet schliesslich nicht: Natur oder Architektur, sondern eher: Natur und Architektur. In der Verbindung beider Elemente, sie miteinander zu versöhnen, liegt die Aufgabe der Menschen. Das dürfte die eigentliche Botschaft der Zeichnungen von Irène Wydler sein. Dass diese Verbindung ein immer wieder gefährdetes Gleichgewicht ist, das immer wieder gefunden und hergestellt werden muss, darum weiss sie, und der Betrachter ihrer Zeichnungen spürt es.

Paul Tanner 1999

Ausstellungskatalog, The Huberte Goote Gallery, 1999